OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 30. März 2016, 18:30-21:30 UhrFeier anlässlich des 143. Gründungstages der OAG

Das Thema der diesjährigen Feier ist Gagaku, traditionelle japanische Hofmusik, die im 7. Jahrhundert über China und Korea nach Japan kam, und heute noch gespielt wird. 2009 ernannte die UNESCO Gagaku zum Immateriellen Kulturerbe.

Den Festvortrag wird Prof. Dr. Bernd Clausen (Würzburg) halten:

Wahrnehmen, Verstehen und Vergleichen.
Gagaku als kulturelle Praxis

Seit den frühesten Schilderungen europäischer Reisender scheinen die Erscheinungsformen musikkultureller Praxis in Japan vorwiegend zu hoher Irritation, mithin zu Ablehnung geführt zu haben. So berichten es zumindest die reisenden Kaufleute, Geistlichen, Diplomaten und Abenteurer ihrem daheim gebliebenen Lesepublikum, das diese in zum Teil hohen Auflagen publizierten Reiseberichte begierig verschlang. Sie taten es nicht nur des exotischen (Er)Schauerns wegen, sondern vor allem, um sich ihres eigenen Andersseins zu vergewissern. Dabei konsolidierten sie – zweifellos unbewusst – Deutungsmuster des „Japanischen“ sowie Stereotypen, die für lange Zeit dem kulturellen Gedächtnis Deutschlands und Europas einverleibt wurden.

Aber – so frage ich in diesem Vortrag – wirkt das Wahrnehmen, das über den kognitiven Nachvollzug von Formteilen und Klangfarben sowie historischer Entstehungskontexte angereicherte Verstehen mit dem gleichzeitig vonstattengehenden Vergleichen mit Bekanntem nicht auch wieder zurück auf das Gehörte? Mit anderen Worten, haben wir es nicht auch hier mit kultureller Praxis zu tun, die sich wandelt, ihre Wesenheit mit dem heutigen Hörer aushandelt und damit auch auf der Ebene von Zeit und Raum fluide ist? Der Diskurs über gagaku wird in diesem Vortrag in unterschiedlicher Weise kritisch vermessen: beispielsweise in Hinsicht auf die Frage zum Verhältnis von gagaku (雅楽) zu hōgagku (邦楽) oder der zugeschriebenen Merkmale „exklusiv“ und „esoterisch“ als Teile einer Konstruktion eines spezifischen Bildes von gagaku. In dieser Weise kritisch hinterfragt, ergibt sich ein Blick auf gagaku als lebendige musikkulturelle Praxis und nicht – wie so häufig beschworen – als petrifizierte Vergangenheit eines alten Japans.

Prof. Dr. Bernd Clausen, Hochschule für Musik Würzburg, studierte zunächst ab 1988 Musikwissenschaft und Sinologie in Göttingen und wechselte dann an die Musikhochschule Hannover, wo er mit Schulmusik (Künstlerisches Lehramt an Gymnasien) sein erstes Staatsexamen ablegte. Von 1998 bis 2003 lehrte er als „ausländischer Lehrer“ an einer japanischen Universität auf Hokkaidō, promovierte 2003 mit einer musikpädagogischen Arbeit im Bereich interkultureller Bildung und nahm eine Stelle als Juniorprofessor an der Universität Bielefeld an. 2008 erfolgte die Habilitation (Doppelvenia: Musikpädagogik und Musikethnologie) an der Universität Potsdam mit einer großen Studie zur Bedeutung traditioneller Musiken an japanischen Schulen. Seit 2008 ist er Professor an der Hochschule für Musik Würzburg und seit 2013 ihr Präsident.
Clausen ist Verfasser verschiedener Aufsätze zu den Schnittstellen zwischen Ethnomusikologie und Musikpädagogik, forscht zu Themen der vergleichenden und historischen Musikpädagogik und ist Herausgeber sowie Autor eines Musikschulbuches.

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Der Vortrag wird musikalisch eingerahmt von Gagaku-Musik und -Tanz, gespielt bzw. aufgeführt von Tanaka Shōroku (Hichiriki und Kagurabue [zwei verschiedene Flöten]), Uemura Kōichi (Kakko [Trommel] und Tanz), Fushimi Natsuko (Shō [Mundorgel] und Tanz) und Tateishi Kazunori (Ryūteki und Komabue [zwei weitere Flöten]).

Alle vier Spieler gehören der Gruppe Tadogagaku an, einer Gruppe von Gagaku-Enthusiasten aus der ehemaligen Stadt Tado (heute Kuwana-shi) im Norden der Präfektur Mie, die sich für den Erhalt und die Bekanntmachung dieser alten höfischen, teilweise auch religiösen Musik einsetzen – einerseits durch professionelle Konzerte, andererseits auch durch Unterricht für Kinder.
Aufführungen von Gagaku lassen sich im Tado-Schrein (Tado taisha) bis ins Jahr 763 zurückverfolgen. 2014 wurde die Gruppe mit dem Preis für besondere Verdienste um den Erhalt traditioneller Kultur (Chiiki dentō bunka kōrōsha) der Präfektur Mie ausgezeichnet. Inzwischen hat sie auch in Tokyo eine Dependance gegründet und erhält u.a. auch Unterstützung durch das Amt für kulturelle Angelegenheiten.
Die Musiker führen an diesem Abend nicht nur verschiedene Stücke und Tänze auf, sondern stellen auch ihre jeweiligen Instrumente vor, so dass Gelegenheit besteht, deren Besonderheit und Klangfarbe sowohl einzeln als auch im Zusammenspiel wahrzunehmen.

Alle Teilnehmer der Veranstaltung erhalten an dem Abend ein ausführliches Programmheft.

Wann?
Mittwoch, den 30. März 2016, 18.30-20.00 Uhr,
ab ca. 20.00 Uhr geselliges Beisammensein mit Buffet-Empfang
Wo? Saal und Foyer des OAG-Hauses
Wieviel? für Buffet und Getränke
Vorverkauf (bis zum 28.3.)
Mitglieder: 2.500 Yen
Nicht-Mitglieder: 3.000 Yen
Studenten: 1.500 Yen
Abendkasse
Mitglieder: 3.000 Yen
Nicht-Mitglieder: 3.500 Yen
Studenten: 2.000 Yen

Sie erleichtern unsere Vorbereitungen, wenn Sie sich rechtzeitig im OAG-Büro unter der Telefonnummer 03-3582-7743 oder per E-Mail an tokyo@oag.jp anmelden. Der Vorverkaufspreis gilt bis zum 28. März. Die Karten können vorbestellt und dann am Abend bezahlt werden.