OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

OAG Taschenbuch Nr. 086 Shōji Endō, Rotraud Saeki Märchen und Sagen von Tokashiki

101 Seiten
Deutsch
Iudicium Verlag GmbH München
2006
7€

Die Inselwelt von Okinawa hatte furchtbar unter dem Zweiten Weltkrieg zu leiden gehabt, wahrscheinlich mit am schlimmsten in ganz Japan. Ich war in Sorge, daß das grausame Kriegsgeschehen womöglich den kostbaren volkskundlichen Schatz beschädigt oder sogar unwiederbringlich ausgelöscht hatte. Deshalb galt es so schnell wie möglich zu handeln. Es gab noch andere Probleme, die die Märchen- und Sagenwelt bedrohten. Im kleinen Okinawa befanden sich 70% aller amerikanischen Militärstützpunkte in Japan, mit den Jahren verschob sich die Bevölkerung auf der Hauptinsel mehr in den Süden, und der gebirgige Norden wurde immer leerer. Auf den abgelegenen Inselgruppen verlor manche Insel ihre sämtlichen Bewohner, weil das Leben dort zu schwer geworden war. Auf der Insel Maejima z. B., die zur Dorfgemeinde Tokashiki gehört, lebten Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 250 Menschen, nach dem 2. Weltkrieg jedoch zogen mehr und mehr dieser Inselbewohner hinüber nach Okinawa. Und im Jahr 1962 hatte auch der letzte von ihnen Abschied von der alten Heimat genommen. Diese Gründe alle trieben mich an, mich mit der Forschungsarbeit zu beeilen. Positiv zu bewerten war in diesem Fall, daß die Wiederentwicklung von Okinawa weit hinter der von Japan herhinkte, und viele der alten gewohnten Werte noch galten. Darüberhinaus hatte sich bis dahin niemand mit den Märchen und und ihrer Forschung befaßt, ein weites und unbeackertes Feld lag also noch vor mir.
Im Jahre 1979 begann ich mit dem Sammeln des Materials der Insel Tokashiki. Ich regte vor allen Dingen an, daß sich eine lokale Märchengruppe der Bewohner bildete, ich kam dann mit Studenten der Volkskunde zu den Mitgliedern, wir hörten ihre Erzählungen an und schrieben sie auf. Diese Methode, die die Bewohner mit den Studenten zusammenbringt, habe ich übrigens auf allen von mir bearbeiteten Inseln verwendet, mit gutem Erfolg jedesmal. Wir fuhren viele Male hinüber nach Tokashiki, forschten und hörten bis 1981, und es war uns möglich, die Erzählungen von 95 alten Menschen aufzuzeichnen. Die ehemaligen Bewohner der Insel Maejima besuchten wir in ihren Häusern in Okinawa und hörten uns dort ihre Märchen und Sagen an.
Als Ergebnis unserer Arbeit konnten wir 587 Geschichten, die uns Menschen von Tokashiki erzählt haben, aufzeichnen. Diese wurden gedruckt und den Annalen der Dorfgemeinde Tokashiki beigefügt. 1983 erschien dann ein Buch von 320 Seiten, das 38 Märchen, 17 Tiergeschichten, 24 Schwänke und 56 Sagen, also 135 Überlieferungen enthält. Ein Zusatzteil mit Sprichwörtern wurde angehängt, und dieses Buch ist unter dem Titel Tokashiki no Minwa („Märchen und Sagen von Tokashiki“) erschienen.
Auf Tokashiki gibt es eine staatliche Einrichtung für die Jugend, die der Ausbildung dienen soll, und auf Wunsch dieser Institution (Okinawa Seinen no Ie) habe ich aus dem oben erwähnten Märchenband solche ausgewählt, die direkt und nur mit der Insel Tokashiki zu tun haben. Das ist der kleine, 1998 erschienene Band Tokashiki no Minwa, der hier in deutscher Sprache vorgestellt werden soll. (Shōji Endō)

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